Dr. Gerhard Ribbrock, stellvertretender Museumsleiter Museum Alte Post, Mülheim:

… Zwei Bildstrukturelemente bestimmen das Werk, das zeichnerische Element des Liniengefüges und das malerische der Farbflächen. Beide Elementgruppen tragen auf der Bildfläche eine Partnerschaft aus, bei der, wie es in jeder guten Partnerschaft ist, sich mal der eine mal der andere in den Vordergrund drängt. Die Qualität dieser Partnerschaft zeigt sich in der Harmonie, die sie in der Bildgesamtheit erzeugt.

Die Linienelemente haben sich verselbständig, lassen aber häufig noch ihre Herkunft vermuten. Sie bezeichnen im frühen Werk von Thomas Koch die lineare Gegenständlichkeit realer Objekte wie Tüten, Hüte, Schuhe und anderes. In den jüngsten Werken sind von der Objektbeziehung und übernehmen Kompositions- und gliederungsaufgaben der Bildstruktur. Ähnlich verhält es sich auch mit den Farbflächen, die zunächst der Objektgestalt verhaftet waren, ja die sogar ihre Farbigkeit aus dem konkreten Objektbezug ableiteten. Diese objektbezogene Farbigkeit ist latent noch in der Farbflächenstruktur enthalten, vermittelt aber keinen abbildhaften Darstellungsbezug.

Es ist ein Gebilde, besonders in den quadratischen Formaten wahrzunehmen, den ich als „Netzraum“ bezeichnen möchte. Die Assoziation mit einem Netz liegt deshalb nahe, da die Linienstruktur und die Farbflächen- Umrisse ganz unregelmäßige Formen bilden. Wie in einem Netz, je nach Bewegungsrichtung, verändern sich die Größen der Netzlöcher, d. h. hier die Farbflächen. Es entstehen unterschiedliche Richtungsverläufe, die nach innen sich drängen können, die vom Vordergrund in die Tiefe hineinstoßen die Oben und Unten bezeichnen, die sich Rechteck des Bildes sogar im Kreis bewegen können! Durchdringungen, Überlagerungen und der vom Künstler ihnen mitgegebene Rhythmus gibt den Werken ihre ganz eigene Stimmung. Die vernetzen Linien durchziehen die verschiedenen Raumebenen und binden sie zur harmonischen Einheit zusammen.

Katalog Thomas Koch 1996, Plitt Verlag Oberhausen

 

Das Prinzip der Collage als Möglichkeit einer befreiten Malerei
Dr. Hans Günter Golinski, Direktor Museum Bochum

Betrachtet man die neuen Bilder von Thomas Koch, blickt man auf Vertrautes, das nach klassischen Regeln komponiert, ungewohnt erscheint. Im Zeitalter der technischen Bilder bezieht Thomas Koch traditions- und standesbewusst die Position des Malers. Allerdings hat er ein anderes Medium, die Collage, zu einem inhaltliche und formalen Gestaltungsprinzip gemacht.

Als Terminus technicus erst um 1920 im Umfeld der Dadaisten entstanden, stellt diese bildnerische Technik für die Völkerkunde und die Kunstgeschichte ein früh anzutreffendes Phänomen dar. Naturvölker schufen aus Pflanzenblättern, Federn oder Geweben Klebebilder; in der japanischen Buchillustration finden sich seit dem 10. Jahrhundert geklebte Papierbilder. Während der Renaissance diente die Collage in den Malerateliers als Hilfstechnik; im 18. und 19. Jahrh. erfreuten sich kunsthandwerkliche Papiermosaiken bei einem breiten Publikum großer Beliebtheit.

Die Kubisten Braque und Picasso besannen sich auf diese zu ihrer in Form von vorgefertigten Ausschneidebögen populär gewordene Technik, um in der Tradition der trompe lòeil- Malerei das Alltägliche und triviale zum Gegenstand von Kunst werden zu lassen. In der Verwendung von Vorgefundenem liegt unter anderem ein Grund für das vermeintliche Widererkennungsmoment in Thomas Kochs Bildern.
Die Dadaisten faszinierte die der Collage vorausgegangene Destruktion normierter Zusammenhänge; mit Sicherheit motiviert auch ihn der Wille, Sehgewohnheiten zu zerstören, sowohl alltägliche als auch ästhetische. Ihn interessiert – nicht mehr – logisches, empirisches oder symbolisches Sehen, er schafft keine eindeutigen Bildwelten. Benennbar bleibt lediglich, dass er Collagen malt – ein Regelbruch, einwidersinniger und überflüssiger Akt.

Thomas Koch gebraucht das Verfahren der Collage auf verschiedenen Ebenen: Eindeutig erscheint es in seinen Kompositionen auf faktisch geschnittenem oder gerissenem Papier. Es entsteht ein abstraktes, spannungsreiches Wechselspiel von Figur- und Grundrelationen, von Positiv- und Negativformen oder von Anmutungen des Schichtens und Freilegens.

Doch die tatsächliche Ebene wird durch die illusionierend gemalte Papiercollage verlassen; bleibt der „schneidende und reißende Collagist“ von der Beschaffenheit des vorgefundenen Materials abhängig so erobert sich der „malende“ die Freiheit des Erfundenen. Das Prinzip der Collage in der reinen Malerei eröffnet unbegrenzte Möglichkeiten des Gestaltens und Sehens. Ein Charakteristikum der Collage besteht in der Nähe zum Zitat, mehr oder weniger fragmentarisch verweisen die Einzelteile auf vorhandene Kontexte hin.

Dem Maler ermöglicht dieser künstlerische Ansatz, sämtliche, eigentlich unvereinbare Möglichkeiten der Malerei parallel in seinem Schaffen vorzuführen, ja sogar in einem Bild zusammenzubringen. Eine unbegrenzte Farbpalette mit jeweils unterschiedlichen Hell- und Dunkelwerten, verschiedene Intensitäten, transparente, opake oder lichtundurchlässige Wirkungen bringt Thomas Koch zum Einsatz. Ein pastoser Farbauftrag, der Materialisierung erfahren lässt, steht in seinem Werk neben einer lasierenden Aquarellmalerei, die einer Verflüchtigung entgegenstrebt.

Die Malerei zitiert sich selbst; dabei führt – wie in der surrealistischen Collage – das Aufeinandertreffen des vermeintlich Unvereinbarlichen zu einer poetischen Spannung. Das Fragmentarische der Technik provoziert zusätzlich die Imagination.
Zur visualisierten Theorie der Collage, zu ihrer Darstellung als Prinzip, geraten Aquarelle und vor allem Zeichnungen, die sich von der Materialität der Farbe befreit, nur noch Licht und Schatten, schwarz weiß, den Grundsatz „trennen, um zusammenzukommen“ erfahrbar werden zu lassen.

Die sich im Unendlichen verlierenden Möglichkeiten der einzelnen Collage diszipliniert Thomas Koch bevorzugt durch Begrenzung durch das quadratische Bildformat, das durch seine Ausgewogenheit Ruhe erfahren lässt. Die ausufernde all-over-Struktur wird so im klassisch komponierten Ausschnitt wiedergegeben, dass dem Bild die überlieferte Funktion des Fensters zukommt, man blickt nicht auf, sondern in etwas. Vornehmlich aus geringer Distanz trifft das Auge auf einen visuellen Mikrokosmos, der sich nach den Seiten hin fortsetzbar denken lässt. Diese Nahaufnahmen lassen sich auch in die Ferne projizieren; die aus Einzelheiten zusammengefügte Collage wird wiederum zum Detail einer grenzenlosen Farb- und Formenwelt, in die der Künstler – pars pro toto – Einblick gibt.

Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bilderflut, die sich aus einer Unmenge von Bildfetzen zusammensetzend, in rasendem Tempo an uns vorbeirauscht bzw. uns in einen Sog zieht, der, um sich selbst zu erhalten, keine Besinnung, kein Nachdenken oder -empfinden zulässt, erhält die Malerei von Thomas Koch – gewollt oder ungewollt – eine zusätzliche Dimension.
An ihren Schnittstellen stürzen diese virtuellen Unbilder den Betrachter immer aufs neue in eine schwarze Leere. Dem gegenüber stehen diese collagierten Mikrokosmen, in denen die Nahtstellen zu spirituellen Zwischenräumen werden, sie sind Sichtbarmachungen von geistigen Relationen zwischen individuellen Existenzen. In ihrer Harmonie des Neben- und Miteinanders werden sie zu idealen Beziehungsmodellen, zum utopischen Entwurf von möglichem Zusammensein. Thomas Kochs gemalte Collagen spiegeln unser fortwährendes Streben hin zu diesen Idealen und sind uns dadurch vertraut.

Katalog Thomas Koch 1992 – 1996, Plitt Verlag Oberhausen

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