Reminiszenz des Motivs
Dr. Gabriele Uelsberg, Direktorin Rheinisches Landesmuseum Bonn

Nähert sich ein Betrachter in einem ersten Schritt den Gemälden und Objekten von Thomas Koch, so mag es zunächst leicht sein, den Werken ihre Unabhängigkeit und Freiheit vom „Vorbild“ in der kompositionellen Formulierung zu glauben. Im genaueren Hinsehen erkennt er jedoch nach dem zweiten Betrachtungsschritt, dass die Arbeiten sich immer wieder auf ein ganz bestimmtes, rhythmisches Maß zurück beziehen lassen, das nicht aus der Komposition, sondern aus einer scheinbar, dem Bilde innewohnenden Zwangsläufigkeit resultiert.

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Stellt der Rezipient dann die Frage nach der Regelstruktur, gewinnt er im dritten Schritt die Erkenntnis, dass Thomas Koch alle seine Bilder stets vom Gegenstand herleitet und sich das Motiv durch Arrangement von Stillleben immer wieder neu erarbeitet und ermalt.
Die Gegenstände, aus denen sich Kochs Stilllebenkompositionen zusammensetzen, waren vielleicht in den frühen Arbeiten noch erkennbar, haben sich heute jedoch soweit vom Mimetischen weg entwickelt, dass nur schwer nach zu vollziehen ist, aus welchen unterschiedlichen Elementen hier ein flächendeckendes und nahezu strukturell polyfokales Kompositionsgebilde entstanden ist.
Der Betrachter entdeckt für sich eine Bildstruktur, in der sich die Formen und Elemente, aus denen das Bild zusammengesetzt ist, in ein Schichtengefüge einfinden, aus dem sich immer wieder neue Ansichten und Aspekte der Bildfläche gerieren. In einem sich immer stärker verdichtenden Übereinanderlagern von Formen und Formmotiven entsteht so eine Gleichmäßigkeit und letztlich auch Harmonisierung der Bildfläche, die sich in der Betrachtung als Einheit und damit wiederum als abstraktes und scheinbar völlig gegenstandsundeterminiertes Bildgefüge darstellen.

Was auffällig ist, ist der für seine Bilder entwickelte Farbkanon, dem Thomas Koch seine Form- und Flächenfindungen unterwirft. Jedes Bild erhält so ein vom Motiv unabhängiges Farbklima, das sich innerhalb eines ganz bestimmten Valeurs in unendlich vielen Schichtungen parallel zu den Formschichtungen ausbreitet und so aus der Bildoberfläche eine farbräumliche, wenngleich von jeglichen Perspektivassoziationen befreite, Oberfläche entwickelt. In den Arbeiten, die Thomas Koch in den letzten drei Jahren geschaffen hat, stellt sich darüber hinaus ein weiteres Phänomen in der Darstellungsform ein und zwar die deutlichere Gewichtung der Linie.
Die Linien, die den jeweils abstrahierten gegenständlichen Bezug umreißen, gewinnen an Plastizität und werden zum Teil in collagierenden Elementen als selbständige Einheiten eingesetzt. Dies führte im weiteren Arbeiten zwangsläufig auch zu einem immer stärker in den Raum hinausgreifenden künstlerischen Ansatz, den Thomas Koch in seinen Reliefbildern verstärkt.
Hier entwickelt sich neben der Schichtung von Formen und Flächen ein räumliches Erlebnis, das bewusst auf plastische Elemente verzichtend einen Filigranraum von Farbe und Licht suggeriert, der sich in der Malerei der Jahre fortsetzt. Parallel zu den Arbeiten, die die Linienelemente verstärken und so einen stärker zeichnerischen Duktus erlauben, führt Thomas Koch seine rein malerischen Arbeiten in eine stärkere, strukturelle Geometrie. Wie von fast gleichgewichtigen Flächenquadraten strukturiert, erscheinen die neuesten Arbeiten, wobei sich in den jeweils reduzierten Flächen malerisch wiederum die Schichten in ihrer Unterschiedlichkeit, wie durch einen Fokus betrachtet, im Bild selbst nach hinten hin fortsetzen. Der konkrete Gegenstand beziehungsweise die Möglichkeit einer Gegenstandsassoziation wird in diesen neueren Arbeiten immer weiter verschleiert, so dass sich eine Rückbeziehung auf Motive und Gegenstände in diesen letzten Arbeiten nahezu ausschließen.

Die Vielschichtigkeit und die Ambivalenz wird in diesen Arbeiten durch den veränderten Betrachterstandpunkt suggeriert, der in unterschiedlichen Blickwinkeln scheinbar immer wieder auf gleiche Stellen gerichtet ist. Dieses Nebeneinander von Achsen, in die sich die Bildflächen eingliedern, geben den Gemälden einen besonderen Charakter von Labilität, wobei sich die Formen in den Flächen drehen, kippen und aus den Achsen verschoben zu sein scheinen, um dadurch die Bildoberfläche selbst in rhythmische Bewegung zu versetzen. Dies erscheint den Reliefbildern verwandte, wenngleich die optische Irritation, die sich in den Darstellungen ergibt, in den Reliefbildern gleichsam faktisch und in den Gemälden nahezu virtuell ist.

Die bewusste Konzentrierung auf eine einzige künstlerische Setzung, wie sie in den Arbeiten von Thomas Koch evident ist, erfordert für jedes Bild eine immer wieder neu erarbeitete und individuelle Lösung. Dies ist nur zu verstehen, betrachtet man die Entstehung eines Bildes als gleichsam meditativen Prozess, der sich immer wieder neu aus Anlass der Malerei entwickelt und dem sich der Künstler immer wieder unterwirft, in dem er ihn annimmt und so jedes Bild für sich als eine jeweils individuelle Lösung seines spezifischen formalen Problems entwickelt. Bezeichnend in diesem Kontext ist daher Thomas Kochs Vielfalt in der Umsetzung von Materialien auf den unterschiedlichsten Gründen, der immer wieder neu nahezu experimentell miteinander verbindet, um so die jeweils eigene Form für jedes Bild zu entwickeln.

Dr. Gabriele Uelsberg, Direktorin Rheinisches Landesmuseum Bonn

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